Ich laufe seit über 20 Jahren Marathons und wenn ich eines gelernt habe, dann das: Nur zu laufen reicht nicht, um besser zu werden. Der Körper braucht mehr als nur Kilometer.
Meine Schwester praktiziert seit Jahren Pilates und hat immer davon gesprochen, wie stark sie sich dadurch fühlt. Das hat mich schliesslich dazu motiviert, es selbst auszuprobieren. Letzten Juni begann ich, drei Mal pro Woche Pilates-Kurse im Club Pilates zu besuchen. Seitdem habe ich einen deutlichen Unterschied gespürt, wie ich mich fühle, als auch in meiner Laufleistung, insbesondere jetzt in der Vorbereitung auf Boston.
Ganzkörperkraft
Pilates ist zwar vor allem für den Aufbau der Rumpfmuskulatur bekannt, stärkt jedoch den gesamten Körper. Besonders die Kraft in Hüfte und Gesäss ist für das Laufen entscheidend. Starke Hüften und eine gut entwickelte Gesässmuskulatur tragen wesentlich zu einer verbesserten Lauftechnik und Effizienz bei. Die Kraft beim Laufen sollte primär aus dem Gesäss kommen. Pilates-Übungen wie Glute Bridges helfen mir nicht nur, diese Muskulatur gezielt zu stärken, sondern auch ein besseres Körperbewusstsein zu entwickeln, sodass ich sie beim Laufen aktiv einsetze, anstatt mich hauptsächlich auf Waden und Oberschenkel zu verlassen. Eine unzureichende Aktivierung der Gesässmuskulatur kann ein relevanter Risikofaktor für Laufverletzungen sein, insbesondere im Zusammenhang mit einer verminderten Hüftstabilität.
Kraft in den Beinen
Pilates stärkt die Beinmuskulatur, indem nicht nur die grossen Muskelgruppen, sondern auch die kleineren stabilisierenden Muskeln gezielt trainiert werden, die für Ausrichtung und Bewegungssteuerung verantwortlich sind. Diese Art von Kraft verbessert die Effizienz beim Abdruck vom Boden und wirkt sich direkt positiv auf Geschwindigkeit und Kraftentwicklung aus. In meiner Vorbereitung auf den Boston-Marathon wird mir das besonders helfen, die Anstiege gegen Ende des Rennens besser zu bewältigen.
Mobilität und Stabilität
Eine gute Mobilität ermöglicht es Läuferinnen und Läufern, den gesamten Bewegungsumfang effizient zu nutzen, was die Schrittdynamik deutlich verbessert. Durch das Laufen entsteht mit der Zeit oft ein Gefühl von Verkürzung und Verspannung – Pilates bringt mich dazu, Bewegungen auszuführen, die ich sonst nicht machen würde. Meine Hüften fühlen sich beweglicher an, mein Laufstil ist flüssiger geworden, und ich fühle mich weniger eingeschränkt, wenn ich schneller laufe oder längere Distanzen zurücklege. Pilates beugt Steifheit vor und sorgt dafür, dass die Bewegungen geschmeidig bleiben.


Eve’s Lunge ist besonders effektiv für Läuferinnen und Läufer, da sie verkürzte Hüftbeuger öffnet. Diese verkürzen sich durch die ständige Vorwärtsbewegung beim Laufen und können die Schrittlänge einschränken, wenn sie nicht gezielt mobilisiert werden. Auch „Feet in Straps“ spricht die hintere Oberschenkelmuskulatur auf kontrollierte und zugleich verlängernde Weise an. Dadurch wird nicht nur Kraft aufgebaut, sondern auch die Flexibilität verbessert, man wird also nicht nur stärker, sondern kann sich auch über einen grösseren Bewegungsumfang hinweg frei und ohne Belastung bewegen.
Seit ich Pilates regelmässig in mein Training integriert habe, habe ich ausserdem festgestellt, dass ich mehr Laufkilometer bewältigen kann, ohne das Gefühl zu haben, meine Grenzen auf riskante Weise zu überschreiten. Ich fühle mich insgesamt stabiler und besser vorbereitet auf die Belastung – und seitdem hatte ich keine grösseren Verletzungen mehr.
Laufmechanik
Pilates unterstützt eine saubere Lauftechnik, indem es die Körperausrichtung, Haltung und das Zusammenspiel des Körpers als Einheit verbessert. Ich achte heute viel bewusster darauf, meine Schultern unten und hinten zu halten, anstatt sie besonders bei Ermüdung nach oben und vorne wandern zu lassen. Viele Pilates-Übungen fördern genau diese Haltung, sodass sie sich ganz natürlich anfühlt und zur Gewohnheit wird. Wenn die Körperhaltung optimal ist, läuft alles effizienter. Die Atmung, der Armschwung und auch der Schritt profitieren davon.
Timing
Ich kombiniere Pilates meist mit meinen intensiveren Trainingstagen, wie Tempoläufen, langen Läufen oder Intervallen. So bleiben die anspruchsvollen Tage wirklich fordernd, während die leichten Tage der echten Regeneration dienen. Manchmal gehe ich sogar zu Fuss zum Pilates, um zusätzliche, gelenkschonende Bewegung einzubauen, ohne den Körper weiter zu belasten. Das fördert die Durchblutung und unterstützt die Regeneration der Muskulatur.
Pilates ist für mich zu einem festen Bestandteil meines Trainings geworden. Es hilft mir, konstant zu bleiben, gesund zu bleiben und mich insgesamt stärker zu fühlen, besonders jetzt auf dem Weg nach Boston. Und das Beste daran: Es macht mir Spass, und genau deshalb bleibe ich langfristig dabei.

Elizabeth Clor
Elizabeth Clor ist Marathonläuferin, Coach und Autorin und hat über einen Zeitraum von zwei Jahrzehnten 39 Marathons absolviert. Sie ist die Autorin von Boston Bound, einem Buch über das Überwinden mentaler Hürden im Laufsport, und dokumentiert ihre Reise in ihrem Blog Racing Stripes. Zudem teilt sie täglich ihre Erkenntnisse, Trainingstipps und Perspektiven in den sozialen Medien. Im Jahr 2026 feiert sie ihr 20-jähriges Jubiläum als Marathonläuferin. Abseits der Laufstrecken ist Elizabeth als Chief Marketing Officer eines Technologieunternehmens tätig. In ihrer Freizeit spielt sie gerne Klavier und verbringt Zeit mit ihrem Ehemann Greg.

