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Pilates als Unterstützung bei Bandscheibenvorfällen

Im Gespräch mit Olga Kenner

Rückenschmerzen gehören zu den häufigsten Beschwerden unserer Zeit und ein Bandscheibenvorfall kann für Betroffene eine enorme Einschränkung im Alltag bedeuten. Viele Menschen suchen nach Möglichkeiten, ihre Wirbelsäule nachhaltig zu stabilisieren und Schmerzen langfristig zu reduzieren. Eine Trainingsmethode, die dabei immer häufiger empfohlen wird, ist Pilates.

Eine Expertin auf diesem Gebiet ist Olga Kenner, Gründerin des Pilates-Studios Strongback in Zürich-Altstetten. Die Pilates-Trainerin bringt nicht nur eine fundierte Ausbildung im klassischen Pilates-Training mit, sondern auch über zwei Jahrzehnte Erfahrung als Pflegefachfrau in Bereichen wie Notfallmedizin, Kardiologie und Spitex. Diese Kombination aus medizinischem Hintergrund und Bewegungskompetenz prägt ihre Arbeit mit ihren Kundinnen und Kunden.

In ihrem Studio konzentriert sie sich besonders auf individuelles Training zur Stärkung der Rücken- und Rumpfmuskulatur. Ziel ist es, Beweglichkeit, Stabilität und Körperbewusstsein zu verbessern – wichtige Faktoren für Menschen mit Rückenproblemen. Im folgenden Gespräch erklärt Olga Keller, wie Pilates bei einem Bandscheibenvorfall unterstützen kann, welche Übungen sinnvoll sind und worauf Betroffene besonders achten sollten.


Olga, du arbeitest seit vielen Jahren mit Menschen, die Rückenbeschwerden haben. Wie häufig begegnen dir Personen mit einem Bandscheibenvorfall im Training?
Mit einer gestellten Diagnose? Am Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag und Samstag. Bitte nicht erschrecken – ich arbeite an diesen Tagen im Studio (Zwinkern) und habe gerade meine Kapazitäten erhöht, bin also noch mehr im Studio verfügbar. Menschen mit Bandscheibenvorfällen (BSV) hören Gutes von Pilates und kommen genau aus dem Grund ins Training. Auch immer mehr physiotherapeutische und ärztliche Fachkräfte empfehlen gerne Pilates. Allen Betroffenen mit der Diagnose BSV ist klar: «Ich muss regelmässig etwas Gutes für meinen Rücken tun.»

Interessant ist, dass immer mehr junge Menschen mit Rückenbeschwerden (muss kein BSV sein) Pilates machen. Das hängt sicher mit der Bekanntheit von Pilates zusammen und dem Bewusstsein: «Ich informiere mich gerne selbst.»


Ein Bandscheibenvorfall ist für viele Betroffene zunächst ein Schock. Kannst du kurz erklären, was dabei im Körper passiert?
Nun, zuerst muss jeder Mensch «mit einer Wirbelsäule» wissen: Nicht jeder BSV muss Schmerzen oder Symptome verursachen. BSV können da sein, aber stumm bleiben, weil sie genug Platz um den Wirbelkörper haben und nicht auf einen Nerv drücken. Denn das verursacht Schmerzen und weitere Symptome, etwa Kribbeln im Bein oder sogar Ausfälle wie ein plötzliches Taubheitsgefühl im Bein. Diese Menschen nehmen ziemlich schnell ärztliche Hilfe oder Physiotherapie in Anspruch.

Bei einem BSV wird die äusserst nützliche und weiche Bandscheibe (BS) über den Rand des Wirbelkörpers herausgedrückt. Die arme Bandscheibe wird durch den Druck zwischen zwei Wirbelkörpern gegen einen Rückennerv gedrückt. Der Nerv sendet ans Gehirn die Botschaft «Ich werde zerdrückt» und meldet Schmerzen als Alarmzeichen.

«Ich habe einfach schwache Muskeln», sagen die meisten, die zu mir ins Training kommen. Die gute Nachricht, dagegen kann man etwas tun. Jeder Mensch hat Muskeln, die trainiert werden können und müssen, sonst würde er in sich zusammenfallen und sich nicht mehr aufrecht halten, stehen oder gehen können. Die Muskulatur ist dein funktionaler Ganzkörperanzug (wie ein Strickanzug), der mit Pilates weiter gewebt wird und die komplette Wirbelsäule stützt. Diese Stütze brauchst du umso mehr, wenn «Einstürze» wie ein Bandscheibenvorfall an der Wirbelsäule drohen.


Früher wurde bei Rückenproblemen oft Ruhe empfohlen. Heute weiss man, dass gezielte Bewegung wichtig ist. Welche Rolle kann Pilates bei einem Bandscheibenvorfall spielen?
Ganz wichtig: Pilates übernimmt die Rolle des Anschluss-Trainings nach einer Diagnosestellung und Behandlung (Therapie, OP) mit Physiotherapie. Anders ist es, wenn jemand die Diagnose längst kennt und eine Therapie erhält, diese Person kann anschliessend durchaus ein Pilates-Studio in der Nähe aufsuchen.

Die komplette Ruhe oder gar Bettruhe ist als Empfehlung total «out». Es sei denn, Betroffene befinden sich gerade in einer Akutphase und können sich nur durch die Wirkung von Schmerzmittel für wichtige Bedürfnisse, wie der WC-Gang, bewegen. Sie liegen intuitiv ab und diese Intuition ist «bewegungswichtig». Von physiotherapeutischen und ärztlichen Fachkräften wird Bewegung, und zwar symptomabhängig, empfohlen. Bedeutet: Betroffene machen Bewegungen (oder Übungen), die die Schmerzen zulassen. Und hier heisst es: Intuition. Auch wenn es nur ein Spaziergang ist.


Welche Aspekte der Pilates-Methode helfen besonders dabei, die Wirbelsäule nach einem Bandscheibenvorfall zu stabilisieren?
Ich mag die Frage sehr! Der Schlüssel der Pilates-Methode ist die Verwendung der Stahlfedern. Auf allen Geräten, ausser der Matte, wird in diese Stahlfedern gearbeitet – mit Füssen, Beinen, Händen und Armen, für mehr Muskelaufbau und Stabilisierung an den richtigen Stellen. So erfolgt auch die Kräftigung der Bauch-, Rumpf- und Rückenmuskulatur. Muskeln, die schon seit langem geschlafen haben, werden plötzlich wach.


Pilates legt grossen Wert auf die Körpermitte. Warum ist eine starke Rumpfmuskulatur so entscheidend für eine gesunde Wirbelsäule?
Eine gut trainierte und kräftige Rückenmuskulatur ist ALLES. Betrachten wir mal unsere Wirbelsäule als die (Körper-)Mitte. Stellen wir sie uns als einen «gut dienenden» Kleiderständer vor. Am Kleiderständer hängt vieles: Kopf, Arme, Hüfte und Beine. Der muss viel leisten!

Viele Betroffene fragen sich, wann sie nach einem Bandscheibenvorfall wieder mit Training beginnen dürfen. Wann ist Pilates sinnvo ll und sicher?
Ins Pilates kommen die Betroffenen häufig schon in der Endphase oder nahtlos nach der Physiotherapie. Das ist genau der richtige Zeitpunkt dafür. Hier kann ich mit den Menschen schon sehr, sehr gut arbeiten, trainieren, nicht therapieren. Die Person kennt ihre fragilen Stellen, hat ein neues Vertrauen und weiss: «Ich will und muss meinen Rücken kräftigen und stützen.» Pilates trainiert die Muskulatur an den richtigen Stellen, schafft Platz und entlastet dadurch die komplette Wirbelsäule und somit die Bandscheibe.


Wie passt du Pilates-Übungen an, wenn jemand mit einem Bandscheibenvorfall zu dir ins Training kommt?
Diese Menschen möchte ich immer (ausser sie kommen als Team zu zweit) in einer 1:1-Lektion sehen. In der Regel beginne ich die erste Pilates-Stunde im Liegen. Im Liegen reduziert der Körper muskuläre Spannungen und legt das Gewicht ab. So nutze ich den Vorteil des Liegens auf dem Gerät und starte mit einigen Übungen in die Stahlfeder. Die Federn passe ich dem Zustand und den Beschwerden der Person an und sehe dabei schnell, was der Körper kann. Was sie nicht kann, hat die Person mir schnell berichtet. Ich will sehen, was sie kann und nicht was sie nicht kann.


Gibt es einfache Prinzipien oder Übungen aus dem Pilates, die Menschen mit Rückenproblemen gut in ihren Alltag integrieren können?
Oh ja, diese drei: Atmung: Zur Bewegung, sei es auf der Matte oder an Geräten, atmen, und zwar so, dass das Zwerchfell sich bewegt. Flach atmen oder Atem anhalten ist eine Blockade für die Bewegung. Konzentration: Arme und Beine mit der Vorstellung, «sie
wachsen aus dem Rücken», für Übungen einsetzen. Der Fluss der Bewegung ist entscheidend: rhythmische Bewegungen – sich bewegen, wie zu einer Lieblingsmusik. So entsteht Rhythmus! Nie eine Bewegung in sich halten oder gar stoppen, sonst wird die Wirkung der Übung auf die Muskulatur unterbrochen.


Viele Betroffene entwickeln nach einem Bandscheibenvorfall Angst vor Bewegung. Wie gehst du mit dieser Unsicherheit im Training um?
Auch diese Ängste sind begründet und gehören zu meinem Job dazu. Ganz wichtig: Ich muss den Körper in Bewegung sehen. Daher starte ich mit allen Teilnehmenden mit einem 1:1-Training auf dem Reformer oder Cadillac. Auf Geräten kann ich alle Stahlfedern leichter oder schwerer einstellen. Die Teilnehmenden können die Schwere der Beine in die Federn abgeben und sich so schmerz- und angstfrei bewegen. Unsicherheiten erkenne ich aus Erfahrung an der Körpersprache. Ja, Rückenschmerzen haben eine eigene Körpersprache.

Am Ende der Lektion sehe ich immer, wirklich immer, entspannte und positiv überraschte Pilates-Gesichter. Eine ärztliche Diagnose brennt sich im Gehirn wie eine Horrorvision ein, da ist eine empathische Kommunikation und gute Bewegungen ganz, ganz wichtig. Und das ist meine tägliche Arbeit im Studio. Gute Bewegung für bessere Bilder im Kopf.


Wenn du Menschen mit Rückenproblemen nur einen einzigen Rat für ihre Wirbelsäulengesundheit geben könntest – welcher wäre das
Bewegen. Komplexe, aber guttuende Bewegungen. Mit Freude und Wirkung bewegen. Diese Bewegungsart darf voll motivieren! Und manchmal, nicht immer, kann es Pilates sein. :o)))

Olga Kenner, Gründerin des Pilates-Studios Strongback in Zürich-Altstetten.